I Can't Imagine Tomorrow
von Tennessee Williams
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Ein Zimmer, eine Frau, ein Mann: Jemand kehrt traumatisiert aus dem Krieg heim, ein Anderer nur von einer durchzechten Nacht in den Straßen der Großstadt, Zwei leben zusammen und können nicht mehr miteinander reden… Drei szenische Einblicke in rohe, zarte, liebevolle und hoffnungslose Beziehungen. Flüchtige, Suchende, getrieben von der Hoffnung auf ein glücklicheres Leben, einen (amerikanischen) Traum. Unterdrücktes Verlangen, das in rohe Gewalt umschlägt. Klaustrophobische Zustände, Entfremdung und Einsamkeit. Figuren, die in Abhängigkeiten zu ersticken drohen und dennoch unermüdlich um ihr Leben kämpfen – das sind wiederkehrende Motive eines manischen Schreibers und Alpträumers.
Nach der erfolgreichen deutschsprachigen Erstaufführung seines Frühwerks FRÜHLINGSSTÜRME in der letzten Spielzeit, setzen wir unsere Auseinandersetzung mit dem wieder und neu zu entdeckenden Tennessee Williams fort und präsentieren dem Münsteraner Publikum die drei Einakter GRÜNE AUGEN (DSE), SPRICH ZU MIR WIE DER REGEN, UND ICH HÖR DIR ZU … und ICH KANN MIR EIN MORGEN NICHT VORSTELLEN (DSE) aus dem reichen Nachlass.

Mit: Lilly Gropper, Dennis Laubenthal

Regie: Frederik Tidén / Austattung: Kerstin Bayer / Dramaturgie: Kathrin Mädler

Theater Münster 2014

Nun hätte es sich Tidén recht leicht machen und auch die beiden anderen Einakter derart realistisch einrichten können. Aber zumindest beim zweiten Stück verfährt er anders. "Sprich zu mir wie der Regen, und ich hör dir zu …" ist das Gespräch zweier Liebender, die sich kaum noch was zu sagen haben. Tidén verkürzt es radikal zu einem Zwischenspiel aus zwei Monologen. Zunächst sitzt nur Laubenthal im Halbdunkel auf dem Bett und erzählt über ein Standmikro die Geschichte eines Mannes, der irgendwo in New York in einem Hotel aufwacht und versucht, sich zu orientieren. Währenddessen huscht Gropper immer wieder vorbei. Schließlich setzt sie sich neben ihn und erzählt ihre Geschichte, wie sie in ein Hotel am Meer zieht, um dort alt zu werden und eine "Freundschaft mit den toten Dichtern" zu pflegen. Zwei, die zwar nebeneinander sitzen, aber nichts gemeinsam haben, keine Gegenwart und keine Zukunft.
Kai Bremer, nachtkritik.de

Der neue kleine Spielraum U2 im tiefen Keller eignet sich perfekt für die Zwei-Personen-Stücke. Die Nähe zwischen Spielfläche und Zuschauertribüne schafft eine fast voyeuristische Intimität - wie in einem Hotel, wo man Wand an Wand mit fremden Menschen logiert. (…) Der mittlere Teil dieser tragischen Trilogie ist der poesievollste. So nah scheint für Momente die Hoffnung auf ein besseres Leben - aber immer wird es regnen. Man sieht förmlich Tränen der Trauer über ein vertanes Leben unaufhörlich tropfen wie der Regen draußen.
Lilly Gropper und Dennis Laubenthal verkörpern mit intensivem Realismus Mädchen und Junge in Grüne Augen, Frau und Mann in Sprich zu mir wie der Regen, und ich hör' dir zu..., Eins und Zwei in Ich kann mir ein Morgen nicht vorstellen. Der Tenor bleibt gleich: man quält sich mit Unterstellungen, Vorwürfen voller Zynismus, sie igelt sich ein, lässt ihn nicht näher kommen, kommt ihm nicht entgegen. Er ist der Weiche, unfähig sich von dem Biest zu lösen. Verbunden sind sie durch ihre Einsamkeit und Sehnsucht, getrennt vom Lebensglück durch eine unüberwindliche Mauer in sich selbst. Ein eindrücklicher Theaterabend.
Marieluise Jeitschko, www.theaterpur.net, 17. Februar 2014

Die Kulisse wirkt trostlos. Ein heruntergekommenes Hotelzimmer mit zerschlissener Tapete und einem engen Bett, aus dem zwei Menschen kriechen, die auch nicht den besten Eindruck machen. Er ist schwer verkatert, ihr Körper ist von blauen Flecken übersäht. [...]
„I Can’t Imagine Tomorrow“, das am Sonntag im U2 des Theaters Münster Premiere hatte, verknüpft drei Einakter von Tennessee Williams zu einem düsteren Blick auf die Nachtseite Amerikas. In jedem der Stücke geht es um Menschen, die durch das Glücksraster gefallen sind. Manche, wie das junge Paar im Eingangsstück „Grüne Augen“, machen trotzdem weiter. Aber sie kämpfen nicht miteinander, sondern gegeneinander. [...]
Große Wandlungsfähigkeit beweisen Lilly Gropper und Dennis Laubenthal bei der Darstellung der verschiedenen Paare. Ob sie offensiv und körperbetont agieren wie im ersten Stück oder betont leise und hintergründig wie im zweiten – immer nimmt man ihnen ihre Rollen ab.
Helmut Jasny, Münstersche Zeitung, 18. Februar 2014

Beide Einakter von 1970, die ob ihrer Kürze mit „Szene“ wohl zutreffender bezeichnet wären, wurden von Frederik Tidén fast naturalistisch und ohne Aktualisierung auf die Bühne gebracht. Im Mittelstück „Sprich zu mir...“, das von seiner Entstehungszeit 1953 herausfällt, hat er die Dialoge ausgeblendet. Man spricht nicht mehr gegeneinander, sondern monologisiert für sich, er über Vergangenheit, sie über ein zukünftiges Leben, jeweils verfremdet über Mikrofon.
Alle drei Szenen könnte man als Fingerübungen des Meisters bezeichnen, wenn sie nicht nach seinen großen Erfolgen wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ entstanden wären. Ein Griff in die Mottenkiste sind sie keinesfalls, sondern haben für Studioproduktionen ihre Berechtigung. Während die Männergestalten (Dennis Laubenthal) getriebene oder passive Figuren sind, bieten die reflektierten und wortgewandten Frauengestalten schauspielerisch wesentlich mehr Möglichkeiten, die Lilly Gropper bestens nutzt.
Michael Schardt, Westfälische Nachrichten, 18. Februar 2014