Trauer muss Elektra tragen
von Eugene O'Neill
(zurück)

Mit „Trauer muss Elektra tragen“ schuf Eugene O‘Neill eine Bearbeitung der Orestie von Aischylos. Wo O’Neill seine Familie Mannon noch als hysterische Puppenwesen mit maskenhaften Gesichtern  auftreten ließ, gibt es mit der Sitcom und der Soap längst neue Formen der amerikanischen Gefühlszurichtung.  Wir steigen tief in diese Formate ein und suchen nach den Ängsten, Begierden und dunklen Sehnsüchten, die dort verborgen liegen.
Der Krieg ist zu Ende. Im Haus der Mannons erwartet man die Rückkehr des Familienoberhaupts Ezra und seines Sohnes Orin.  Ezras Frau Christine muss sich damit abfinden, dass ihr Mann leider doch nicht im Kampf gestorben ist. Ihre Tochter Lavinia kommt einer tödlichen Intrige auf die Schliche. Von all dem ahnt Ezra Mannon noch nichts. Er ist nur erleichtert zurückzukehren in das Land seiner Heimat: Amerika.

Mit: Lia Hoensbroech, Sophie Hutter, Peter Ender, Dan Glazer

Regie: Frederik Tidén / Bühne und Kostüme: Lena Hiebel  / Dramaturgie: Irina Müller

Zürcher Hochschule der Künste
Körber Studio Junge Regie 2013

Die Sitcom als medial verzerrtes Destillat des amerikanischen Lebensstils bildet an diesem Abend im Theater der Künste das wichtigste Darstellungs- und Stilmittel. So verwundert es auch nicht, dass eine Couch, die direkt Al Bundys Wohnzimmer entstammen könnte, als zentrale Requisite den Bühnenraum dominiert. Nahezu jeder Ausspruch, egal in welcher emotionalen Verfasstheit er erfolgt, wird umgehend durch das charakteristische Tonbandgelächter kommentiert. Dieser dramaturgische Kniff kritisiert auf originelle Weise die Wirkung totaler massenmedialer Vereinnahmung auf das emotionale Repertoire: Das gesamte Spektrum zwischenmenschlicher Interaktion gehorcht den drehbuchgesteuerten Affektionskategorien von Fernsehserien. Es gibt Gelächter, es gibt Jubel, es gibt mitleidvolle Bestürzung; und nichts ausserdem.[…]
Die Inszenierung weist einige sehr originelle Einfälle auf. Beispielsweise wenn der auf der Couch aufgebahrte Leichnam von Ezra in bester Lazarusmanier aufersteht, um mit einer Lobeshymne auf amerikanische «family values» die Situation der eigenen zerrütteten Familie zu kontrastieren.

Nicolas Bollinger, kulturkritik.ch

Tidéns Ansatz wiederholt den kreativen Reflex von O’Neill: er greift eine alte Geschichte auf und stellt sie in einen neuen Kontext. Was Aischylos der Krieg um Troja war, O’Neill der Sezessionskrieg, wird in dieser Fassung und Aufführung das Ende des Irakkrieges. Präsident Obama begrüsst die heimkehrenden Soldaten und Offiziere mit einem vierfachen WELCOME HOME.  In dieser Rede des Präsidenten ist die ganze Palette pathetischer Rethorik des „verfälschten Amerikas“ (O’Neill) präsent.  Diese Rede ist Ausgangspunkt von Tidéns Inszenierung. Sie präludiert ein Spiel der verfälschten Affekte. Tiden zeigt die „Gefühlszurichtung“ einer Nation, die bis in die kleinen Zellen  familialen Lebens hinein gedeiht, um dort, in der letzten „Heimat“, zu  verlöschen. Tidén gelingt eine Kenntlichmachung dieser  „Verfälschungskultur“ durch das Mittel der amerikanischen Farce (Soap).  Hier wird die Verknappung eines gewaltigen Stoffes – einer Trilogie – mit den Mitteln der Sitcom, des Melodrams und der Fernsehdokumente aus dem wirklich unwirklichen Alltag eines heutigen Amerikas erhellend  betrieben.
Stephan Müller, Leiter Studiengang Regie, ZHdK

Tidéns pfiffiger Trick, die Sätze nicht tief fallen zu lassen und sie immer wieder mit eingespieltem Gelächter aus dem Bedeutungs-Wasser zu fischen, macht die Inszenierung zunächst gut bekömmlich. Aber trotz der beachtlichen schauspielerischen Möglichkeiten von Sophie Hutter in der Titelrolle geht O'Neill bald die Puste aus, denn der Regisseur hat das Steuer längst Richtung Amerikakritik herum gerissen. Das abgewetzte Serien-Sofa, das auf einer Revue-Treppe prangert, wird zur überflüssigen Kulisse, von der sich der vergiftete Irak-Heimkehrer-Vater in die schmerzhafte Auseinandersetzung zwischen Elektra/Lavinia und Orest/Orin um Rache und Sühne wie ein weißes Rauschen im Fernseher mischt und zum Sprachrohr des ultra-rechten amerikanischen Journalisten Glenn Beck wird.
Friederike Felbeck, nachtkritik.de

Tidén zeigt ein heutiges Amerika-Bild, oder zumindest das, was die Medien daraus machen. In Videoeinspielungen lässt er Obama davon berichten, wie stolz Amerika auf seine Soldaten sei, kurz bevor die beiden gebrochenen Heimkehrer die Bühne betreten. Die Mutter schaut „Eine schrecklich nette Familie“, kurz bevor sich ihre Kinder zu ihr aufs Sofa setzen und sie mit einem Kissen ersticken. Die Inszenierung hat also eine Art von Ironie, auch weil sie ohnehin schon starke Klischees zusätzlich überzeichnet, doch meist will der Zuschauer nicht darüber lachen. So als hätte Tidén es gewusst, spielt er die Lacher vorsätzlich ein.  Das Stilmittel der Sitcom unterstreicht die Einsamkeit und das in sich Gefangensein der Figuren. Welch traurige Gestalten sind sie doch. Sieger sehen anders aus. Jeglicher Zuspruch und jegliches Bedauern für die eigene Lage kommt von Band, irgendwo aus der Dunkelheit des Theatersaals, statt vom Gegenüber.
Hanna Pfannenwimmer, junge Regie Textversion